Sonnenstrahlen blendeten mich. Reger Verkehr trieb durch die Straßen und Menschenmengen walzten über die Bürgerteige, um entweder ein Schnäppchen zu ergattern oder um sich einfach von der tollen Stimmung des ersten warmen Frühlingstages anstecken zu lassen.
Ich gehörte zur letzteren Gruppe. Das Wochenende stand vor der Tür und ich genoss meinen Feierabend. Um den Tag, den Frühling und vor allem mich zu feiern, wollte ich mir ein Eis gönnen und mich in ein Cafe niederlassen. Ich schlenderte langsam zwischen all den Menschen umher auf der Suche nach einem Cafe und einem leeren Platz. Ich hatte Glück, denn schon nach kurzer Zeit ergatterte ich einen freien Tisch draußen. Ein völlig überforderter Kellner lief wirr zwischen den Tischen umher und landete nach geraumer Zeit etwas außer Atem an meinem Tisch. „ Tag, was wollen sie bestellen?“, drang es mit leichtem italienischen Akzent aus ihm heraus. Ich musste etwas schmunzeln über die Panik in seinem Gesicht als ich einen riesigen Eisbecher und einen Cafe bestellte. Der Kellner konnte sich wahrscheinlich schon ausmalen, wie schwierig es werden würde den Weg zu mir, mit diesem Kollos zurückzulegen.
Während der Kellner davon eilte, schaute ich den Menschen bei ihren Einkäufen zu. Eine Frau zerrte ihren Sohn an der Hand hinter sich her und je mehr sie sich bemühte ihn mitzuschleifen, umso mehr schrie der Kleine. Als sie auf gleicher Höhe mit mir war, konnte ich sie sagen hören: „ So, pass nur auf Freundchen, wenn wir zu Hause sind, dann hat dein Arsch Kirmes!“ Das saß, denn der Sprössling sah seine voluminöse Mutter mit weit aufgerissenen Augen an und verstummte sofort. Er konnte sich wohl ausmalen, was die fleischige Pranke mit seinem Hintern machen würde. Stumm trottete er ihr hinterher und wurde fast von einem Mann umgerannt, der, so schien es, um sein Leben rannte. „ Seltsam diese Leute, kaum ein Sonnenstrahl ist draußen, schon spielen sie alle verrückt.“, dachte ich und sah, dass mein Eis im Anmarsch war.
Der Kellner hatte das Eis hastig abgestellt und flitzte zu Tisch „13“, bevor ich bezahlen konnte. „ Na dann ran an den Speck, bezahlen kann ich später noch.“, dachte ich und begann mich über den Becher herzumachen. Während ich so vor mich hin löffelte, fiel mein Blick wieder auf den „Sprinter“ von vorhin. Wild gestikulierte er mit einer Frau, wahrscheinlicher seiner Frau. Diese schüttelte immer und immer wieder mit dem Kopf und zeigte auf etwas in ihrer Hand. Dann schüttelte der Mann wiederum den Kopf. So ging es ungefähr 10 Minuten lang. Der arme Tropf tat mir richtig Leid so eine Krähe abbekommen zu haben.
Mich störte aber etwas an ihrem Verhalten, denn normalerweise würde sie ihm eine Szene machen, aber in dem Fall war es wohl eher umgekehrt. War vielleicht der Mann der „Streithammel“? Ich wusste es nicht, aber ich wusste, das soeben ein ganzer Löffel voller Eis die Kurve gekratzt hatte und sie nun auf meiner weißen Jeans nieder lies. Vorsichtig versuchte ich die Bescherung mit einem Taschentuch wegzuwischen, was mit natürlich nicht gelang. Das Ergebnis war, dass es so aussah, als hätte ich mir in die Hose gemacht. Einige Menschen sahen mich mit verstohlenen Blicken an, bis ein Junge vorbei kam und lauthals schrie:“ Schau dir den Mann mal an Mama, der hat sich ja in die Hose gemacht!“
Hitze und Röte stieg mir ins Gesicht, ich sah den kleinen Scheißer an und überlegte mir, womit man ihn am besten umnieten könnte. Mir fiel nichts ein, hilflos saß ich auf meinem Stuhl und versuchte den Leuten klar zu machen, dass das doch bloß Eis sei. Doch das wollte niemand hören. Menschen neigen eher dazu vom schlechteren auszugehen, tja wir sind halt alle ein wenig schadenfroh und ich allen voran.
Ich stand auf und ging, „so was musste ich mir nicht von so einer kleinen Gurke mit Super Mutter gefallen lassen“, dachte ich als ich gerade an dem „Sprinter und der Krähe“ vorbei ging. Ich sah, worüber sich der Mann aufgeregt hatte und immer noch aufregte.
„Sie waren unterwegs“, schoss es mir durch den Kopf. „ Ich hätte früher darauf kommen müssen, die Kleidung, wer zieht sich heute denn so an? Die monotonen Bewegungen, die schon zeigen, dass man nicht resignieren wird.“, dachte ich während ich an dem Eis Cafe vorbei sprintete. „ Seltsam, vor einer knappen halben Stunde saß ich hier und habe den Mann beobachtet, wie er davon spurtete und jetzt bin ich es, der hier wie ein Blöder, in einer braun weiß betupften Hose durch die Straßen rennt“, dachte ich mir, während der Italiener fluchend mir hinterher rief, dass ich bezahlen solle. Es ging hier um Leben und Tod, um Gerechtigkeit, es ging ganz einfach um den Kampf zwischen Gut und Böse und ich würde ihn gewinnen, ich würde für all die Opfer stehen, die dem Grauen jeden Tag aufs neue ausgeliefert sind.
Ich erblickte die schwarze Gestalt schon von weitem und ich blieb abrupt stehen. Die Gestalt schnitt mir immer mehr den Weg ab, je näher sie an mein Auto kam. Langsam setzte sie sich in Bewegung und ich setzte zum letzten Sprint an, während die Gestalt einen Stift zog und sich etwas notierte. Ich kam mir vor wie in einem billigen Actionfilm , ich ,der Held rannte in Zeitlupe und schrie noch so ein langgezogenes „NEEEIIIIN“ heraus, bevor irgendetwas explodierte.
Doch hier explodierte nichts, nein, hier passierte etwas schlimmeres.
Als ich keuchend und nach Luft japsend an meinem Auto ankam, drehte sich die schwarze Gestalt um und blickte mich mit einem monotonen und besserwisserischen Blick an. Sie sah genauso aus, wie man sich Lehrerinnen nicht wünschte. Leicht angegrautes Haar, eine silberne Brille, die wohl Weisheit vermitteln sollte und als krönenden Abschluss noch einen engen Dutt.
„ Ihr Wagen ?“,sagte sie in einem strengen und militärischen Ton. „ Nee, der vom Papst....“
Das finden sie jetzt auch noch unheimlich witzig, was?“ , unterbrach sie mich. „ Wissen Sie, ich bin auch witzig und weil heute so ein schöner Tag ist, erzähle ich ihnen schnell ein Witz.
Sie bekommen noch eine Strafe, weil sie es gewagt haben einen Beamter zu beleidigen bzw. weil Sie“ und das betonte sie extra langsam, „ sich über mich lustig gemacht haben.“
Mit einem selbstzufriedenen Lächeln riss sie ein Blatt Papier von ihrem Block, steckte sich eine Kopie in eine Seitentasche, schaute mich an, wünschte mir noch einen schönen Tag und verschwand, um wieder auf „Verbrecherjagd“ zu gehen. Dann hielt sie kurz inne, blickte zurück und sagte noch: „ Drei Straßen gibt es noch eine Reinigung, so ein Missgeschick passiert ja jedem mal.“ Watschelnd, wie eine Ente verschwand sie hinter dem nächsten Auto, um auch der Person Manieren beizubringen.
Ich trottete zu meinem Auto und blickte auf mein Knöllchen. Mein Parkticket war sagenhafte 3 Minuten abgelaufen gewesen und dafür durfte ich dann noch 30 Euro zahlen.
Dazu kamen noch 120 Euro, wegen der Beamtenbeleidigung .
Als ich in das Auto einstieg und das Radio anschaltete, lief gerade eine Sendung über den „Tollen Rechtsstaat und seine Helfer.“