Die Fahrt

Alles hatte damit begonnen, dass Claudia sie auf die Wache bestellt hatte und das an ihrem freien Tag. So musste sie ihr Entspannungsbad unterbrechen und sich schnellstmöglich auf zur Station machen. Da ihr Wagen sich auch noch gegen sie verschworen hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als die U-Bahn zu nehmen.
Jetzt saß sie hier, auf einem von dem Vorgänger aufgewärmten Sitz mit rutschigem Plastiküberzug, wodurch sie sich immer wieder an einer Stange festhalten musste, um nicht vom Sitz zu fallen. Die U-Bahn war fast menschenleer, bis auf einige, wenige Gestalten, die mit in ihrem Abteil saßen.
Sie sah hinaus in die Schwärze und erkannte eine Frau, Mitte dreißig, mit einem ausgewaschenen, verbleichten, blauen Pullover und längerem, braun gelockten Haar- es war ihr Spiegelbild.
Die Bahn hielt an, um eine weitere Fuhre Menschen zu transportieren oder abzuladen.
Zwei stiegen aus drei stiegen ein. Dabei war ein Mann, in einem schwarzen Mantel, die Haare mit Gel zurückgekämmt und eine Sonnebrille verdeckte seine Augen.
Ah, wir sind also jetzt in der Matrix., dachte sie und wandte den Blick von Neo ab.
Ein neuer Fahrgast versperrte ihr die Sicht auf ihr Spiegelbild. Ein Jugendlicher mit enger Jeans, einem verdreckten Pullover und langen braun- fettigen Haaren, die, die Kopfhörer in seinen Ohren verdeckten. Deutlich konnte sie „I hope you die!“ von der Bloodhound Gang hören.
Ein Rocker mit einem Mordstitel, Neo und was kommt jetzt?
Sie wandte den Kopf nach rechts und wollte sich den letzten Fahrgast angucken, doch stattdessen blickte sie in den Lauf einer Pistole.
„Keine Bewegung oder ich muss dein linkes Auge durch deinen Schädel pusten, Annika!“
Schrecken, gepaart mir einem Adrenalinstoß schoss durch ihren Körper, während sie die glänzende Waffe auf sich gerichtet sah.
Der Rocker blickte mit weit aufgerissenen Augen auf die Knarre und dann auf den Mann.
Sie sah auf, blickte dem Mann in die kalten, hellblauen Augen. Sie kannte diese Augen, vor genau drei Jahren hatte sie, sie hinter Gitter gebracht, jetzt waren sie wieder frei. „Überrascht mich zu sehen?“, sagte er und ein höhnisches Lächeln zauberte sich auf sein jugendlich wirkendes Gesicht, dass die Bosheit darunter verbarg.
„Ehrlich gesagt ja, aber Besessene kehren ja immer zum Objekt der Begierde zurück, nicht wahr?“, sagte sie und versuchte ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen und ihre Angst zu überspielen.
Er begann leise zu lachen, nickte nur stumm und erhob sich dann von seinem Platz.
„So, jetzt alle mal herhören! Ich fahre nur kurz ein paar Stationen mit, dann seit ihr mich wieder los. Also folgendes: 1. Niemand sagt einen Ton, ich habe keine Lust von irgendwelchem Gewimmer genervt zu werden. 2. Keiner spielt hier den Superman, ich habe sozusagen Kryptonit dabei.“ Dabei hob er bedeutend seine Waffe. Der Rocker stierte ungläubig auf die Waffe, dabei hämmerte immer noch das Lied I hope you die durch seine Kopfhörer.
„Nettes Lied hörst du da.“
Ein Knall, ein dumpfes Aufschlagen eines Leblosen Körpers und einige hysterische Schreie, Stille.
„Hey, er hat mir den Tod gewünscht, wie sollte ich da reagieren?“ Er lachte kurz über seinen Witz auf, dann wandte er sich wieder ihr zu und ein irrsinniger Glanz breitete sich auf seinen Augen aus.
„Nun Agent Darling, Annika, noch ein letztes Wort, bevor sie sich hinknien und sterben werden?“
Er meinte es ernst, dass wusste sie.
Verdammmt, die Waffe liegt zu Hause, du hast sie vergessen! Verwickele ihn in ein Gespräch, bringe ihn dazu von seinem Plan abzusehen. Nur wie? Tue das, womit er nicht rechnet.„Ja, das habe ich in der Tat, wie haben Sie es geschafft aus dem Gefängnis zu kommen?“
„Was, das ist Ihre letzte Frage im Leben, mehr wollen Sie nicht?“
Annika nickte. „Ja Klaus, mehr verlange ich nicht.“
„Ganz einfach, ein Wärter war mir noch was schuldig und als wir eine Stunde draußen Freigang hatten, hat er mir zur Flucht verholfen, ich bin seit gestern draußen.“
„Clever, hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Bringen wir es hinter uns?“
Er sah sie etwas perplex an.
„Könnens wohl kaum abwarten, wie? Kommen Sie her!“
Er griff nach Ihrem Arm, zog sie zu sich und Annika schloss die Augen. Dann hörte sie, wie er tief durch die Nase einatmete.
„Immer noch der gleiche Duft. Leicht, aber doch berauschend.“
Sie merkte, wie er mit der Waffe über ihren Nacken strich. Gänsehaut breitete sich über ihre Haut aus und die Panik hatte für einen kurzen Moment die Oberhand über sie gewonnen. Einen Schritt ging sie nach vorne, doch seine kräftige Hand zog sie zu sich, sogar noch näher und seine Hand umklammerte nun hart ihren Arm .
Sein Atem wehte zu ihr herüber und sie roch ein Gemisch aus altem Zigarettenrauch und Gummibärchen. Sogar in seinem Atem waren zwei Gegenteile, etwas stinkendes und etwas wohlriechendes.
Er verkörperte wirklich all diese Gegenteile in sich, kein Wunder, dass er verrückt sein musste.
Sie erinnerte sich, als sie ihn gefasst hatte und befragte. Er wirkte schüchtern, bat sie seine Hände von den Handschellen zu befreien und bedankte sich höflich.
Das ist meine Trumpfkarte, appelliere einfach an das Gute in ihm!
„Klaus, na kommen Sie, Sie sind kein schlechter Mensch, das wollen Sie doch eigentlich nicht.“
„Doch, ich will es tun und mich von Ihnen befreien. Wissen Sie, im Knast da vergisst man nicht, wem man dies alles zu verdanken hat.“
Dann richtete er ihr die Pistole an die Schläfe. Genau in diesem Moment trat sie mir ihrem Fuß nach hinten. Sie merkte, wie er los ließ. Dann, laut stöhnend hinfiel.
Volltreffer!
Die Waffe rutschte über den Boden, mitten hinein in die Menschenmenge.
Gut so, sie ist für ihn außer Reichweite, für mich aber auch!
Sie packte sein linkes Handgelenk, drehte seinen Körper auf den Bauch und dann zog sie mit einem Ruck den Arm auf den Rücken.
Er schrie vor Schmerz auf, beschimpfte sie.
„Hat irgendjemand etwas, damit ich ihm die Hände verbinden kann?“
Sie konnte es nicht riskieren hinter sich zu blicken, denn dann hätte er eine Chance sich zu befreien.
Sie hörte Schritte auf sich zukommen, streckte die freie Hand aus, in der Erwartung gleich etwas zu bekommen, um Klaus hier und jetzt zu fesseln.
Ihre Hand griff in die Leere.
Stattdessen hörte sie ein Klicken.
Es war, als ob jemand auf Pause gedrückt hätte. Ihr Atem und ihr Herz hörten für eine Sekunde auf zu schlagen. Dann drückte wieder jemand Play, um sich das Finale anzusehen.
„Wissen Sie, was Schmerz ist?“, sagte die Stimme, fast gelangweilt.
Sie war nicht fähig zu sprechen oder gar sich zu bewegen. Sie kniete katatonisch auf Klaus, der anfing zu lachen.
„Nein? Wollen Sie mir keine Antwort geben? Ich mache es wie in der Schule, Annika. Ich gebe Ihnen ein Beispiel."
Das Projektil stanzte sich in ihren Rücken. Ein Schmerz größer als sie sich hätte je vorstellen können breitete sich wie ein Feuer in ihr aus. Jede Pore schmerzte und auf ihrem blauen Pullover breitete sich ein roter Fleck aus.
Ein kurzer Aufschrei, dann sackte sie seitlich zu Boden.
Von den Fahrgästen kam ein Aufschrei tiefsten Entsetzens.
„Geht es dir gut, Bruder?“, sagte die Stimme.
Das war es also? In einer U-Bahn gehe ich drauf? Von einem Unbekannten erschossen und gedemütigt? Ich will wenigstens sein Gesicht sehen. Bruder!?
Sie öffnete ihre Augen, versuchte das zucken ihre Lider zu kontrollieren. Schwärze. Sie blickte in eine Sonnenbrille. Der Träger hatte einen schwarzen Mantel an, schwarze nach hinten gekämmte Haare. Es war Neo.
Plötzlich trat Klaus in ihr Blickfeld, sein Gesicht war gezeichnet von dem Kampf.
„ Annika, darf ich Sie mit meinem Bruder bekannt machen? Haben Sie wirklich geglaubt, dass ich denselben Fehler wieder begehe und versuche Sie alleine zu töten?“ Er machte eine kurze Pause, sah sie mitleidslos an, dann fuhr er fort.
„Leben oder sterben Annika, was wollen Sie?.
Es war die wohl grausamste Frage in ihrem Leben.
Sie hatte nicht mehr die Kraft zu antworten. Nur noch ein Gedanke durchstieß sie: So muss die Hölle sein.
„Ich glaube sie hat Schmerzen.“ Beide mussten über den perfiden Scherz von Neo lachen.
Die Passanten sahen sich dieses makabere Schauspiel an, konnten aber die letzten Minuten nicht verarbeiten und schon gar nicht begreifen.
„Ich überlasse es Gott Annika. Doch falls Sie sterben, dann bitte mit der Gewissheit, dass Sie das hier nicht verhindern konnten.“
Klaus nahm die Waffe und fing wie wild an zu feuern. Danach folgte ein klicken, das Magazin war leer. Bei jedem der Schüsse bewegte sich ihr Körper reflexartig, doch mehr als ein klägliches Zucken gelang ihm nicht mehr. Er verbeugte sich leicht zum Abschied.
„Nun Annika, wir werden jetzt gehen, Adieu.“
Sie spürte einen leichten Luftzug, hörte kurz, das zischen der Türen, wie sie aufgingen, merkte die Schritte auf dem Boden und danach war alles still.
Brutal und freundlich zugleich, das ist die Verkörperung des puren Wahnsinns.
Das atmen fiel ihr immer schwerer und dann setzt der letzt gedankliche Schock ein:
Scheiße, ich konnte niemanden retten, nicht mal mich selbst.
Mit diesem Gedanken starb sie auf dem Boden einer U-Bahn.


Noch in der Nacht berichteten die Radio- und TV Sender in Deutschland von dem Tod einer Polizistin:
„ Ich befinde mich hier vor der Treppe, die hinunter in die U-Bahn führt. Hier ist heute gegen 22.00 Uhr eine junge Polizistin, Annika F. Opfer eines grausamen Verbrechens geworden.
Die beiden Täter, Klaus P. und Holger P. konnten nach der Tat fliehen.
Augenzeuge berichteten, dass nachdem Holger P. die Polizistin erschossen hätte, er seinem Bruder die Waffe gab, der daraufhin wild in die Luft schoss. Niemand wurde verletzt.
Beide Täter sollen Annika F. oft etwas zuggeflüstert haben, bevor sie starb.
Es bleibt zu hoffen, dass die Polizei die beiden Täter schnell findet.
Hier sehen sie Zeichnungen der beiden Täter.
Es berichtete für sie,

Helmut Hockel"