Das Manuskript

Dunkelheit umgab ihn. Es roch nach Zigarrenrauch, Cherry und dem Geruch von altem Papier in dem Arbeitszimmer. Neben all den Regalen voller Bücher, einem riesigen alten mahagoni Schreibtisch mit grüner Lederauflage vollendeten zwei Ohrenbackensessel von dunkel braunem Leder das Bild des Raumes. Mitten auf dem Schreibtisch thronte eine große Schreibmaschine. Die Dunkelheit gab nur die umrisse eines alten und verbitternden Mannes preis, der vor dem Schreibtisch saß. Seine ergraute Löwenmähne war zerzaust und stand in alle Himmelsrichtungen ab. Durch seine silberne Brille starrte er apathisch auf das leere Blatt vor sich, das in der Schreibmaschine eingeklemmt war. Er war ein Schriftsteller der alten Schule. Mit Computern konnte er nichts anfangen, er schrieb wie schon vor dreißig Jahren auf seiner Schreibmaschine.
„Wie sollte es weitergehen? Hatte er schon alles gegeben? Waren seine Bücher nur noch für den Wühltisch gedacht, hatten sie ein billiges Cover verdient?“ Die Antwort schien vor ihm zu liegen, er war kein billiger Schreiberling, er war Kenneth Broderick. Früher standen die Menschen für seine Bücher Schlange. Er zog an der Zigarre, blies den Rauch in den Raum und nahm noch einen Schluck des teuren Weines. Er spürte den Geschmack auf der Zunge, ließ ihn durch den ganzen Mund gleiten, um auch jede noch so kleine Note des Weines in sich aufzunehmen. Dann schluckte er. Wieder starrte er auf die Seite und fing an zu tippen.
Nach kurzer Zeit besah er sich sein Werk. Es waren gerade einmal zwei Seiten. „ Dreck!“, schrie er in den Raum hinein, hielt seine Zigarre an das Blatt und beobachtete wie es Feuer fing, dann blies er es aus.
Die Erkenntnis, dass er gescheitert war traf ihn wie ein Schlag. Er nahm die Weinflasche und trat an das Fenster. Blitze erhellten den Raum für kurze Zeit und gaben eine Narbe, die quer über die linke Wange verlief preis. Er hatte versagt. Diese drei Wörter waren vernichtend für ihn. Er war nur noch ein billiger Schreiberling, der nichts weiter konnte als irgendwelche Liebesromane für gescheiterte Hausfrauen zu schreiben, gescheiterte Existenzen, wie er eine war. Er nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche und trank. Der Geschmack war egal, der Wein sollte einzig und alleine dafür dienen den Schmerz zu nehmen. Nachdem er alles ausgetrunken hatte nahm er einen tiefen Zug von der Zigarre, schloss die Augen und genoss den aufkeimenden Rausch des Weines.
„Ja, jetzt konnte er wieder schreiben, jetzt war er wieder der gefeierte Held, der Schriftsteller von einst.“
„Wie wäre es, wenn du schreibst alter Mann?“ Er fuhr zusammen, drehte sich um, doch da war niemand. „Alter gefallener Mann. Was du brauchst sind Ideen und nicht bloßes Selbstmitleid. Lasse mich deiner erneut annehmen, wie einst, als du erfolgreich warst.“ Kenneth Broderick schaute in die Dunkelheit, mit der Gewissheit, dass „Er“ wieder aufgetaucht war. Sein Herz pochte heftig, als er in die Dunkelheit sah. „Muss... muss das wirklich sein? Bitte verschone mich, ich will das nicht mehr, ich schaffe es auch alleine.“ ,wimmerte er. „ NEIN“, ertönte ein tiefes dröhnen aus der Dunkelheit. „DU bist ein Nichts, ein schändlicher Abklatsch von dem, was du einst warst und das weißt du, hoffe ich. Ohne mich bist du verloren, reiche mir deine Hand und du wirst DAS WERK überhaupt schreiben, du wirst wieder gefeiert werden. Frauen werden vor dir niederknien und das bloß gegen so eine läppische Bezahlung Kenneth.“, sagte die Stimme und die Kälte, die in der Stimme mitschwang war kaum zu ignorieren. „Kenneth...Kenneth, tu es!“, zischte es nun von überall her. „ Überwinde dich!“
Er stand da, hilflos wie damals, als die Stimme das erste Mal auftrat. Sie hatte ihm geholfen, ihm diktiert was er schreiben sollte. Das Ende war, dass er nur noch abhängig von der Stimme war, seine Familie verlor. Doch hatte er es geschafft die Stimme zu verbannen.
„Nein, ich kann nicht. Du hast mich damals fast vernichtet, weißt du es noch?
Du wolltest, dass ich meine Frau umbringe, du wolltest, dass ich meine Kinder umbringe, du hast mich fast zu einem Monster gemacht!“, schrie er in den Raum.
„Wen hast du noch? Schau dich an du nutzloser Schreiberling, du bist ein Nichts. Streunst tagelang durch dein Haus herum, säufst dich besinnungslos, deine Frau und deine Kinder haben dir den Rücken gekehrt. Ich fordere dich auf, endlich zu schreiben, mit meiner Hilfe wirst du es allen zeigen!“
Kenneth Broderick überlegte fieberhaft. „Sollte er es ein letztes Mal wagen, wäre er dann nicht verloren?“ „Na gut, ein Buch, aber dann verschwindest du wieder.“, sagte er in die Schwärze hinein. Etwas berührte ihn hinten an der Schulter. „Sicher Kenneth und nun, lass uns beginnen.“, flüsterte etwas in sein Ohr.
Kälte überkam ihn.
Er saß in sich zusammengesunken in einem der beiden Ohrenbackensessel. Kalter Schweiß rann von der Stirn in sein Auge. Das brennen verscheuchte auch den Rest der Müdigkeit. Ungelenkt wischte er mit der Hand über das Auge. Träge stand er auf und schlurfte zu seinem Schreibtisch, wie all die Male davor, wenn er mit „ihm“ zusammengearbeitet hatte, war das Manuskript am nächsten Tag fertig.
Er begann es zu lesen, wie immer konnte er sich nicht daran erinnern, wie er es geschrieben hatte. Grauen ergriff ihn, als er das Buch las. Es handelte bloß von Tod, es war das genaue Gegenteil von dem, was er sonst schrieb. Wie immer, wenn die Stimme etwas ihm diktierte hatte, war es grausam, aber genau das schien den Erfolg auszumachen.

Ein halbes Jahr später, Dienstag:

Kenneth Broderick hatte zur Veröffentlichung des Buches geladen. Die Medien feierten sein Buch, als ein Meisterwerk des Horrors, dass jede Vorstellungskraft sprengen würde. Er hatte es geschafft, er war zurück.
Viele illustre Gäste waren gekommen, er hatte sie alle an den Ort der Haupthandlung gebeten. Der tag war perfekt, sonnig, mild, ein perfekter Herbsttag, New York präsentierte sich von seiner besten Seite. Es war fast wie in seinem Buch, Zufall? Das Datum stimme auch, das machte den Nervenkitzel für die Zuhörer noch stärker.
Im 119 Stock war die Spannung greifbar, als Broderick zu lesen anfing: „ Ein Schatten zog sich über die Straßen hinweg, Menschen schauten hinauf in den Himmel und das grauen packte sie, als sie sahen, wie das Flugzeug...“ Ein Krachen übertönte die letzten Worte, das Gebäude begann zu schwanken und alle liefen panisch zu den Fenstern, unter ihnen tat sich das Loch der Hölle auf. Flammen spieen aus dem riesigen Loch unter ihnen, in der Luft flogen Papierfetzen, der elfte September war Wirklichkeit geworden, nur ein Mann saß stumm da, Kenneth Broderick, denn er wusste, wie alles ausgehen würde, was auf sie warten würde. Er legte sein Gesicht in seine Hände und begann zu lachen.

In Gedenken an die Opfer des 11.Septembers 2001