Laut plätschernd schoss mein Abendessen durch meinen Mund. Der Kampf zwischen meinem Darm und meinem Magen gegen meinen Willen war beendet, der Wille hatte verloren. Mit dem Geschmack, von gegorener Milch und einen Hauch von bitterer Galle auf der Zunge, schleppte ich mich zurück ins Bett.
Meine Mutter weckte mich am Morgen und schaute mich verdutzt an: „ Was hast du denn gemacht? Die ganze Nacht wieder vor dem PC gesessen?“ „Nein, Mami, ich habe eine Magen und Darmgrippe. Ich geh gleich zum Arzt....“ ,hörte ich eine Müde Stimme sagen, die wahrscheinlich meine war. Meine Mutter sah mich mit einem zweifelnden Blick an, der aber sofort wich, als sie in das Bad ging und mein Werk neben dem Klo bemerkte. Ich hatte die Nach über ganze Arbeit geleistet und hatte den Weg zwischen Bett und Toilette insgesamt acht mal zurückgelegt.
Als ich mich endlich aufraffte, war meine Mutter schon angezogen und bot mir an mich zum Arzt zu fahren, da es genau auf dem Weg zur Arbeit lag. Ich nahm dankend an und machte mich „rasch“ fertig, wobei bei „rasch“ zwei Rettungsaktionen zum Klo mit eingerechnet werden müssen. Ich hatte mich also „rasch“ fertig gemacht und saß bei meiner Mutter im Auto und hatte den Geschmack von Galle nicht wegbekommen, auch schwitzte ich heftig, mir war schwindelig und schlecht.
So gesehen ging es mir ja wirklich gut, verglichen mit den Gestalten, die noch auf mich im Wartezimmer warteten.
Ich schleppte mich eine kleine, weiße Steintreppe hoch und kam zur Anmeldung. Vor mir stand eine ältere Frau, die der Sprechstundenhilfe gerade ihre Schmerzen schilderte. Wirklich, also auf was so Rentner kommen... „ Wissen Sie Frau Schubert, mein Rücken, wie mit nem Hammer draufgekloppt, das Knie, ich kann ihnen sagen, als ob mir einer mit ner Kettensäge und hier mein Fuß, als ob ein Amboss draufgeknallt wäre....“, sagt die Frau und gestikulierte dabei wild herum. Das wunderte mich schon etwas, immerhin schien es ja, als ob sich alle Werkzeuge dieser Welt gegen sie verbündet hätten.
Nachdem sie den Baumarkt abgegrast hatte folgte noch der Ehemann und der Sohn. Ich betete, dass sie keine Tochter hat und es klappte, ich kam dran.
„Was haben Sie denn?“ „Eine Magen und Darmgrippe“, sagte ich aufrichtig. Sie schaute von meiner Krankenakte hoch. „Na, wir haben schon Medizin studiert? Wozu sind wir denn dann beim Arzt, wenn wir wissen, was wir haben?“, sage sie in einem spitzen Ton, den nur Arzthelferinnen und Lehrerinnen haben. Wahrscheinlich besuchen die in der Uni denselben Kurs, dachte ich und meinte dann: „ Wissen Sie, ich habe noch kein Medizin studiert, das weiß man einfach, aber immerhin, weiß ich schon jetzt, dass ich nicht so wie Sie enden will.“ Sie schaute mich perplex an, wollte noch was sagen, doch ich fiel ihr ins Wort: „ Danke, ich weiß, dass ich im Wartezimmer Platz nehmen muss, schönen Tag noch.“ Schnell ging ich ins Wartezimmer, mich traf der Schlag. Es war voller Menschen. Bis auf einen Platz war alles besetzt. Ich quetschte mich neben einen alten Mann, der etwas nach Klostein roch und meinen Magen dazu veranlasste wie auf LSD zu Schranz zu tanzen. Ich atmete tief ein und wendete meinen Kopf der Frau neben mir zu. Sie war das typische Beispiel einer überforderten Mutter, die der Meinung war, dass ihre unerzogenen Kinder Engel seien, die an nichts Schuld hätten, ich denke so Leute kennt jeder.
Sie hatte drei Kinder. Ein Kind saß bei ihr auf dem Arm und war noch ein kleiner „Frischling“. Ihre zwei Jungen waren jeweils mit einem Bobbycar ausgestattet und fuhren immer wieder gegeneinander. „ Na ja, sobald sie mit den Köpfen irgendwo anecken würden wäre es ja nicht so schlimm, immerhin saßen wir ja beim Arzt.“, dachte ich. Außerdem hatte ich so meine Zweifel, dass die beiden das wirklich zum ersten Mal machen. „ Jan- Lukas, Leon, hört auf, die Menschen hier sind krank und brauchen Ruhe!“, gellte es immer und immer wieder durch das Wartezimmer. Das die Mutter nicht begriff, dass sie damit nichts ausrichten würde war ebenso verwunderlich, wie meine Ohren, immerhin hatte ich das linke Ohr dem kleinen „Frischling“ auf Mamas Schoß zugewandt. Ich muss sagen so eine Babylunge ist wirklich gut ausgeprägt, genauso wie die Stimmbänder.
Ich widmete mich dem Mann rechts von mir zu, der wohl das Lied vom Tod in das Taschentuch röchelte. Beeindruckend, wie er immer und immer wieder Luft holte, um erneut das Taschentuch zu massakrieren. Dann hielt er inne und wandte den Kopf zu mir. Alleine an den Augen, halb geschlossen, dem Mund, halb geöffnet, wusste ich was mir bevor stand. Die Ladung traf mich mitten ins Gesicht und ich wusste, dass ich bald eine Erkältung haben würde. Er entschuldigte sich nicht mal, sondern steckte das Taschentuch weg und ließ mich und seinen Naseninhalt alleine. Nachdem ich „rasch“ auf die Toilette geflüchtet war, um mir einmal das Geschehen durch den Kopf gehen zu lassen und den Rotz aus dem Gesicht zu waschen, ging ich zurück und sah, dass mein Platz übernommen wurde. Ein Gesetz des Wartezimmers ist, niemals den Platz zu verlassen, denn danach ist er weg.
Ich stand an der Wand gelehnt und schaute zu, wie manch einer eine drei Jahre alte Zeitung las, ( Ich frage mich seit Jahren, wie manche Menschen die Zeitschriften noch interessant finden können) wie Leon und Jan- Lukas gegeneinander heizten und ihre Mutter wieder und wieder mit dem brüllenden Kind auf der Schulter versuchte sie zu beruhigen und wie mich einige Rentnerinnen begafften und dann tuschelten: „ Schwänzt bestimmt wieder die Schule, die heutige Jugend hält sowieso nichts mehr aus....“ Zustimmendes klappern der Gebisse war die Antwort.
Endlich, die Frau mit den „Baummarktverletzungen“ wurde aufgerufen und machte einen Stuhl frei. Ich setzte mich hin und schloss die Augen. Das monotone Plärren des Babys, das im Sekundentakt umblättern von Seiten auf der Suche nach aktuellen Informationen von Monatealten Zeitschriften machte mich müde. Zudem war ich schon so geschwächt durch meine Grippe, dass ich es kaum schaffte, noch richtig wach zu bleiben. Ich verfiel in einen Halbschlaf.
Als ich erwachte waren drei bis vier Plätze leer. Ein Neuankömmling war auf dem Weg zu uns, was man daran merkte, dass die Sprechstundenhilfe wieder ihr Beileid bekundete. Eine alte Frau in einem grauen Filsmantel, der schon ungemütlich aussah gesellte sich zu unserer „lustigen“ Runde. „Ai, Gerda, was machst du denn hier?“ War die Begrüßung, nachdem alle monoton „Morgen“ gesagt hatten. „Ai, weißte doch, hab’ Schmerze’ im linken Knie.“ „Nicht das auch noch“, dachte ich und schloss wieder die Augen in der Hoffnung gleich wieder tief einzuschlafen. Ich war natürlich hellwach. Man muss wissen, dass es Regeln und eine eigene Sprache im Wartezimmer gibt. Es gibt Grundbegriffe. Will man als der „Chuck Norris“ unter den Patienten gelten, muss man auf die Frage „Was hasten?“ mit „Ai, operiert (Lautschrift:obberieet) antworten. Das heißt soviel, wie : „ Ich bin total kaputt, die Ärzte haben mich untersucht und aufgeschnitten, doch ich bin ein so extremer Fall, dass sie nicht wissen, was ich habe. Die Wahrheit ist, dass man eine Erkältung hat, oder bloß einen Zehennagel entfernt bekommen hat. Im Wartezimmer ist es hoch angesehen, wenn man operiert wurde, weil dies das Zeichen dafür ist, mindestens 30 Stunden im Wartezimmer abgesessen zu haben und das ohne Krankheit. Als einleitenden Satz sollte man: „Meine Hüfte oder der Knöchel nehmen.“ Damit gibt man sich erkenntlich bald endlich ins Krankenhaus zu kommen. Falls man noch neu im Milieu ist, trotzdem den einen oder anderen kennt macht es sich auch immer gut zu erzählen, dass Hans, Gerd oder ein sonstiger Ehemann was mit dem Rücken hat und er entweder operiert wurde oder doch nicht wegen so einem Wehwehchen zum Arzt rennt (Meistens kommen die Ehemänner mittags).
Was mir immer wieder auffällt ist, dass immer die selben Visagen auf den Stühlen sitzen. Ich meine, wer verbringt denn bitte die Zeit damit in einem Wartezimmer zu sitzen, um darauf zu warten untersucht zu werden und das jeden Tag? Ich habe mir schon fest vorgenommen nie so enden zu wollen.
Jedenfalls saß ich nun neben einer Frau, Typ Kindergärtnerin, in ihren heißen Birkenstock, rosa schwarz gestreiften Pulli und Leggins, die sich um ihre kräftigen Hüften quälte, mit der Zeitschrift „Petra“ bewaffnet, und ein Mann, Typ Sportschaugucker und gleichzeitig dabei mit der Aufgabe einen Kasten Licher zu vernichten. Sein Kleidungsstil verhieß auch, dass er mitten in den Achtzigern stecken geblieben war, denn sein Trainingsanzug aus blauem Fallschirmstoff mir den Adidasstreifen an den Seiten, war der Liebestöter Nummer eins in der Welt. Zudem roch man, dass er von Duschen nichts hielt.
Nachdem ich alle Patienten beobachtet hatte, starrte ich an die weiße Wand und wartete darauf endlich vom Doktor untersucht zu werden. Eine Stunde später: 2 Patienten waren aus der Hölle geflohen. Zwei Stunden später: Endlich waren die Rutschautoboys weg. Drei Stunden, wie viele Flecken hatte eigentlich die Wand gegenüber von mir?
Plötzlich schrak ich auf. Ein Mädchen betrat da Wartezimmer, nein „DAS Mädchen“ überhaupt betrat das Wartezimmer.
Julia Hechter, war eine wirkliche Schönheit. Sie hatte langes braunes Haar, war schlank und sportlich und hatte mit Abstand das schönste Gesicht von allen.
Als sie mich sah winkte sie nur kurz und setzte sich mit ihrer Mutter zwei Plätze von mir entfernt hin. Mein Herz begann zu pochen, warum musste sie auch gerade hier und jetzt auftauchen? Würde es sich gut machen, wenn ich ihr erzähle, das ich operiert wurde? Ich hatte da so meine Zweifel und tat so, als ob sie nicht da wäre. Ab- und zu riskierte ich mal einen Blick zu Seite. Was sie wohl hatte, sie sah eigentlich ganz gut aus.
Sollte ich sie ansprechen, sie fragen, was sie hat? Das war eine gute Idee und so nahm ich meinen ganzen Mut zusammen: „ Julia? Sag mal, was machst du hier eigentlich, siehst ja eigentlich gut aus.“, sagte ich und sofort fegten die Gedanken durchs Hirn: „Siehst ja EIGENTLICH?!“ Wie blöd konnte ich sein? Uneigentlich ,wie sah sie denn da aus? Meine Gedanken stoppten sofort, als sie ihren wunderschönen Mund öffnete. „ Habe mir doch in den Ferien das Handgelenk gebrochen gehabt und der Doktor will nur noch mal drüber schauen und was machst du hier?“ , fragte sie und ihre tiefblauen Augen sahen mich an. Ich hatte das Gefühl, als kippte mir jemand heißes Wasser in den Pulli. Toll gemacht. Was sollte ich sagen? Weißt du Julia, ich kotze und scheiße den ganzen Tag vor mich hin!? Fieberhaft überlegte ich und kam zu dem Schluss, dass sich eine Erkältung immer gut macht. „Bin erkältet.“ „Oh, hoffentlich geht’s dir bald besser.“ , war ihre Antwort und sie rückte ein bisschen weg von mir, als ob sie Angst hätte, dass ich sie anstecken würde- was ich so gesehen ja auch konnte.
Die Tür ging auf, der Kopf der Sprechstundenhilfe schaute raus und erblickte mich: „ Tim Kuhlerwahn, folgen sie mir bitte.“, sagte sie und setzte ein fieses Grinsen auf. Der Nachname hat so seine Tücken, eigentlich ist er ja toll, weil- wie der Name schon sagt, bin ich „kuhl“. Der Wahn jedoch, ich komme mir damit immer wie so ein Horrorfilm vor, als ob ich sie nicht alle hätte.
„Ich drehte mich zu Julia um, sagte, „man sieht sich“ und kam mir dabei relativ cool vor.
Die Sprechstundenhilfe führte mich in eine kleine weise Kabine. In ihr standen bloß so ein Bett, Geräte und ein kleiner Medizinschrank. Die Sprechstundenhilfe kramte in irgendeiner Schublade hin und hielt mir so eine Pappschachtel hin. Die kennt wirklich jeder, aus recyceltem Papier bestehen die meistens und riechen schon so, als ob jemand vor einem dort hineingeröhrt hätte. Mir wurde wieder schlecht. Ich musste an Julia denken. Mein Gott wird das peinlich, dachte ich und versuchte woanders hinzusehen. „Sie müssen den Spucknapf schon vor den Mund halten, falls etwas rauskommt.“, sagte sie und führte dieses stinkende Etwas an meinen Mund.
Ich konnte nicht mehr. Irgendwas kam die Speiseröhre hoch, im Rachen merkte ich schon, dass es leicht ätzend war und dann kam es mit solcher Gewalt, dass der Spucknapf die ganze Flüssigkeit nicht halten konnte und einiges herauslief. Einige Spritzer trafen auch die Sprechstundenhilfe, die dann hysterisch aufschrie. Wenigstens ihr hatte ich’s gegeben, dachte ich und stellte den Napf auf einen kleinen Tisch.
Nachdem sich die allgemeine Hektik der Sprechstundenhilfe gelegt hatte, kam der Arzt herein.
Er hieß Georg Dietrich, war ein kleiner Typ mit Vollbart. Er wirkte immer so, als ob ihm jemand gerade einen Witz erzählt hätte. Jedenfalls er untersuchte mich ein paar Minuten, bescheinigte mir meine Magen und Darmgrippe und meinte, dass ich in zwei Tagen wiederkommen sollte. „Ist in Ordnung“, gab ich nur zurück. Ich war hundemüde und eine Busfahrt stand noch vor mir und jeder Mensch weiß, wie schlimm so eine Busfahrt ist, doch mit einer Magen und Darmgrippe erhöht sich der Horrorfaktor noch einmal um ein vielfaches.
Schlimmer als die Busfahrt war aber, dass Julia in der Nachbarkabine war und alles mit angehört hatte. Sie hatte gehört, wie der Arzt mich abgehorcht hatte, wie ich mich beschwert hatte, dass es so kalt sei und wie ich noch einen weiteren Spucknapf gefüllt hatte.
Gott sei Dank hatte der Arzt mich nicht gefragt, wie es denn mit dem Stuhlgang sei. Das hätte mir gerade noch gefehlt. Was für ein verdammter Tag.
Vor mir standen einige Tage mit einem leeren Haus bevor, irgendwie ließ sich das doch bestimmt nutzen, dachte ich, als ich den Mann im Bus neben mir meinen Mageninhalt präsentierte.